Achtung!!! Um das ganze Forum nutzen zu können, müsst ihr euch kurz kostenlos registrieren.

Die letzten Geheimnisse von Haus Nummer 21

Antworten
Lost
Es wird
Es wird
Beiträge: 69
Registriert: So 8. Jun 2025, 08:43
Has thanked: 5 times
Been thanked: 18 times

BRD Die letzten Geheimnisse von Haus Nummer 21

Beitrag von Lost »

Die letzten Geheimnisse von Haus Nummer 21

Die letzten Geheimnisse von Haus Nummer 21 (1).jpg
Die letzten Geheimnisse von Haus Nummer 21 (1).jpg (46.59 KiB) 76 mal betrachtet

Der Aprilregen trommelte leise auf das alte Dach, als ich im Frühling 2024 durch das aufgebrochene Gartentor schlüpfte. Das Haus war bereits zum Abriss freigegeben. In wenigen Wochen würden die Bagger kommen. Für mich war es die letzte Gelegenheit, seine Stille zu betreten.
Schon im Flur umfing mich dieser unverwechselbare Lost-Place-Duft: feuchter Putz, altes Holz und verblühte Blumen. Zerbrochene Vasen lagen auf zerschlissenen Teppichen. Schwere Damastgardinen filterten das fahle Tageslicht zu einem geisterhaften Schleier.
Ich stieg die knarrende Holztreppe hinauf. Im ersten Stock erwartete mich das große Schlafzimmer. Ein massives Ehebett aus dunklem Holz beherrschte den Raum, bezogen mit glänzender rosa Satin-Bettwäsche, die aussah, als wäre sie erst vor Kurzem frisch gemacht worden. Auf einem Kissen lag ein alter Plüschhase. Daneben eine kleine braune Porzellankatze – für einen Moment glaubte ich, sie hätte sich bewegt. An der Decke hing ein gewaltiger, verstaubter Kronleuchter mit Fransen, der bei jedem meiner Schritte leise klirrte.
Im Wohnzimmer standen braune Cord-Sofas wie müde Wächter um einen niedrigen Couchtisch. Darauf lag eine vergilbte Zeitung vom 3. Mai 1993 mit der Schlagzeile „Engholm will heute zurücktreten“. Auf der Fensterbank thronte ein altes Modellflugzeug der Bundeswehr – eine F-104 Starfighter mit der Kennung 35+84 und Eisernen Kreuzen. Daneben ein kleiner Blech-Motorradfahrer. Es roch schwach nach kaltem Zigarrenrauch, obwohl hier seit Jahrzehnten niemand mehr geraucht hatte.
Das Esszimmer wirkte, als hätten die Bewohner nur kurz den Raum verlassen. Der Tisch war noch gedeckt mit feinem Porzellan, Silberbesteck und einer Kristallvase voller künstlicher Rosen. Ein weiterer Kronleuchter warf funkelnde Reflexe an die Wände. An der Wand hing ein großer Strohhut, üppig geschmückt mit lila Trockenblumen.
Dann der Fund, der mir einen Schauer über den Rücken jagte.
In einer alten Kommode, zwischen vergilbten Spitzendeckchen und Mottenkugeln, lag ein altes Heiratsbuch des Standesamts. Die Einträge begannen 1894. Georg Aller, geboren am 7. Februar 1894, heiratete Luise Mann. Spätere Vermerke zeigten Kinder und Enkel. Die letzte Eintragung stammte aus dem Jahr 1939. Danach nichts mehr. Als hätte die Familie danach einfach aufgehört zu existieren.
Ich setzte mich auf den staubigen Stuhl und blätterte vorsichtig weiter. Plötzlich fiel ein vergilbtes Foto heraus. Es zeigte eine junge Frau in den 1950er Jahren – mit genau demselben Strohhut wie dem an der Wand. Auf der Rückseite stand in zittriger Handschrift: „Wenn ich nicht mehr bin, soll das Haus meine Geschichten behalten.“
Draußen wurde es dämmrig. Der Kronleuchter im Schlafzimmer begann plötzlich, ganz leicht zu schaukeln, obwohl kein Wind ging. Ich hörte leises Tappen kleiner Pfoten auf dem Parkett. Die Katze? Oder etwas ganz anderes?
Zum Abschied fotografierte ich noch den kleinen Gipsengel, der auf einem Häkeldeckchen saß und traurig ins Leere blickte. Dann verließ ich das Haus rückwärtsgehend, als wollte ich die Geister nicht aufschrecken.
Wenige Wochen später wurde das Gebäude abgerissen. Die Bagger fanden nur Staub, rosa Stofffetzen und das gelegentliche Klirren von Kristall, das sich niemand erklären konnte.
Doch ich weiß es besser. Manche Häuser sterben nicht. Sie warten nur darauf, dass jemand ihre Geschichten hört.


1212

Viel Spaß

Zurück zu „Häuser und Villen“